Die emotional verfügbare Führungskraft

In meinen Beobachtungen sind außergewöhnliche Führungskräfte diejenigen, die emotional verfügbar sind. Emotional verfügbar zu sein bedeutet, dass man den Mut und die Fähigkeit hat, Gefühle zu fühlen, die Gefühle anderer und die eigenen. Emotionale Verfügbarkeit ist mehr als Empathie. Empathie ist die Fähigkeit, die Gefühle eines anderen zu verstehen und zu teilen. Die Verfügbarkeit geht nach außen. Emotionale Verfügbarkeit, zumindest so, wie ich sie in meiner Arbeit definiere, geht in beide Richtungen. Sie sind sich aller Gefühle bewusst, ihrer und die der anderen, und lassen sich gleichzeitig nicht von ihnen abschrecken. Präsent zu sein ist gut, aber nicht genug, weil Sie präsent sein können, aber dennoch immun gegen Gefühle, die mit Ijeder nteraktion zusammen hängen. Sie nehmen so nicht das ganze Bild der Situation wahr, da ein Tel der Informationen fehlt. Natürlich können gute Beobachtungsfähigkeiten dazu beitragen, eine Situation besser zu lesen. Sie werden jedoch immer noch einige Nuancen missen, vielleicht die wichtigsten. Wir sprechen über dieses Thema hauptsächlich in privaten Beziehungen. Dort ist die emotionale Nichtverfügbarkeit die Hauptursache für zwischenmenschliche Konflikte und Beziehungsprobleme. Wir sind Menschen. Wir können keine strengen Grenzen zwischen privat und geschäftlich ziehen. Unsere Eigenschaften bleiben überall gleich, auch wenn sie im Privatleben möglicherweise noch ausgeprägter sind. Dort zeigen wir mehr von uns.


Zugegeben, die emotionale Nichtverfügbarkeit macht sich im Privatleben deutlicher bemerkbar, da in individuellen Beziehungen Gefühle Teil des Deals sind. Im Business sind sie es nicht. Darüber hinaus gilt es als professionell, emotional distanziert und rational zu bleiben. Emotionale Nichtverfügbarkeit ist dann die einfache Abkürzung zur Distanz und Rationalität. Ich würde argumentieren, dass man mit etwas Übung gleichzeitig emotional verfügbar und auch distanziert, d.h. neutral und nicht betroffen, sein kann. Das ist der Weg des Meisters. Wir wissen viel darüber, wie man Unternehmen wie riesige Maschinen betreiben kann, und wir führen sie auch so. Wir optimieren Strukturen, Prozesse, Systeme und Protokolle. Wo wir immer wieder scheinbar unlösbare Themen begegnen, ist in Bezug auf Menschen. Wo wir viele offene Fragen haben, auch wo wir den größten Teil unserer Zeit, Ressourcen und Produktivität verlieren. Emotional nichtverfügbare Führungskräfte wirken sich stark auf Organisationen aus.

Wenn Führungskräfte emotional nicht verfügbar sind, werden Kollegen und Mitarbeiter mit der Zeit auch emotional verschlossen, um sich anzupassen. Dann werden wichtige Dinge nicht thematisiert oder besprochen. Diese Themen werden zu sogenannten ”Elefanten im Raum”. In der Regel beschweren sich Personen in Unternehmen über die folgenden drei Dinge, die sich aus einer allgemeinherrschenden emotionalen Nichtverfügbarkeit heraus erklären können: 1. Mangelnde Kommunikation trotz stundenlanger gemeinsamer Zeit 2. Ineffektive Besprechungen, bei denen Probleme ohne eine Lösung zu generieren wiederholt diskutiert werden 3. Gefühle von Frust, Hoffnungslosigkeit, und das Gefühl von nicht gehört, nicht gesehen und nicht anerkannt zu werden. Emotional verfügbar zu sein, geht zurück auf die emotionalen Reife. Je höher die emotionale Reife, desto höher die emotional Verfügbarkeit. Man kann dann mit komplizierteren Gefühlen und Konflikten besser umgehen. Ist jemand beispielsweise vierzig, aber emotional erst acht Jahre alt sind, wird es schwierig sein, ein ”Gespräch unter Erwachsenen” zu führen. So viele von uns sind in Familien aufgewachsen, die emotional nicht verfügbar waren. Möglicherweise ist das erste Mal, dass wir dem Thema begegnen, nach einer zerbrochenen Beziehung. Schulen und Hochschulen machen es nicht zum Thema und bieten auch keine Hilfsinstrumente für die breite Öffentlichkeit an. So entwickeln wir uns ohne Richtlinien oder Wegweiser. Irgendwann in unserem Leben sagen wir, so, das ist wer ich bin und wie ich bleiben werde. Wir zementieren unsere Identität, Eigenschaften und Gewohnheiten zu einer Persona. Wir sagen "Menschen ändern sich nicht" und beharren darauf. Ich möchte hier keine Urteile fällen, sondern dies als eine mögliche Vorgehensweise für Veränderung vorschlagen. Wir können uns ändern, wenn wir uns dazu entschließen. Wenn emotionale Nichtverfügbarkeit eine mögliche Kernursache für die meisten chronischen Probleme in Unternehmen (und außerhalb) ist, warum sollten wir uns nicht damit beschäftigen? Besonders jetzt, während des Lockdowns, haben wir Zeit für allerlei Selbstreflexion: Betrachten Sie zunächst fünf typische Anzeichen emotionaler Nichtverfügbarkeit in Aktion. Schauen wir nicht auf andere. Lassen Sie uns uns selbst überprüfen. Fragen Sie sich: Sind das meine Gewohnheiten? 1) Non-Stop-Monologe: Stellen Sie eine Wand aus Wörtern auf, um sich davor zu schützen, etwas Neues aufzunehmen? Sprechen Sie meistens über Diinge, die nicht wirklich relevant sind, aber gut klingen und den Raum füllen? 2) Pseudokommunikation ohne Bezugnahme auf andere: Halten Sie den Monolog für ein paar Minuten an, damit der zweite Monolog eines hoffnungsvollen Mitwirkenden stattfinden kann, und fahren Sie dann fort, ohne sich auf das Gesagte zu beziehen oder es zu bestätigen? 3) Nichtanerkennung: Neigen Sie dazu, nicht gezielt mit jemandem zu sprechen oder die Anwesenheit von anderen anzuerkennen? 4) Nicht-Verbindung: Halten Sie Emotionen, Lob oder Anerkennung zurück, erkennen und loben Sie jedoch fortwährend subtil sich selbst? 5) Nicht-Zugehörigkeit: Haben Sie die folgende Haltung? Ich bin keiner von Euch und mir steht Besonderes zu; eine besondere Behandlung erwarten und sich besonders fühlen. Es ist offensichtlich, dass in solchen Interaktionen Gefühle der Zugehörigkeit und des Vertrauens selten vorkommen. Daher werden Themen und Probleme nicht gelöst. Ideen für Lösungen sterben ab. Die Betroffenen kündigen innerlich. Mit der Zeit bestimmt diese Verhalten die Kultur der Organisation, und Interaktionen bleiben oberflächlich und vorgespielt - was für eine Verschwendung.

Aber warum ist das der Fall? Weil wir uns um jeden Preis nicht unwohl fühlen wollen. Wir haben vielleicht weder die Reife noch die Instrumente, um mit den Auswirkungen unserer Emotionen umzugehen, deshalb halten wir uns abgeschirmt und in unseren Komfortzonen, weil wir das Unwohlsein und dessen Folgen fürchten.

Emotionale Reife entsteht nur dadurch, dass wir tief Luft holen und sich den Gefühlen stellen. Es gibt keine andere Option. Glücklicherweise gibt es viele Möglichkeiten, Unterstützung für den Umgang mit alten und neuen Emotionen zu erhalten. Die Belohnungen für diesen Mut sind exponentiell. Bei Interesses gibt es einen simplen Prozess, um mehr emotional verfügbarer zu werden. Ein großartiges Tool ist Meditation oder einfach nur still mit den Gefühlen zu sitzen, sie zu fühlen und sie bewusst loszulassen - am besten nach dem belastenden Ereignis. Das Ereignis wird zunächst eingekapselt und und zur Seite gelegt, ohne andere in die Anekdote zu involvieren. Nehmen Sie sich regelmäßig einfach etwas Zeit zum Fühlen. Mehr ist es nicht. Mit etwas Übung ist das Erste, das passiert, dass der Geist leerer und leichter wird. Gedankenmuster werden sich ändern und endlose Gedankenwiederholungen werden verschwinden.

Später werden Sie spüren, wie sich die im Körper festgefahrenen Gefühle in Form von Spannung und Schmerz schneller verabschieden. Sie fühlen sich entspannter, leichter und geerdeter. Instinkte und Intuition werden sich weiterentwickeln und Inspiration wird leichter aufkommen. Das Ziel dieser wiederholten Übung ist es, die Aufmerksamkeit ohne Widerstand in Ihrem Herzbereich ruhen zu lassen. Dort sind Weisheit und Gewissen angesiedelt. So werden sich alle Beziehungen verbessern. Zusätzlich werden Sie auch eine außergewöhnliche Führungskraft, da nicht viele diesem Beispiel folgen werden. Sie werden einzigartig sein. Der Geist, insbesondere der hochintelligente und intellektuelle Geist, der nicht kontrolliert wird, ist wie eine Marschflugkörper, fokussiert, destruktiv und möglicherweise fehlgeleitet. Wir müssen ihn in Schach halten, und so kann es gehen.

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© Dr. Zarmina Penner 2020